Les Routiers Suisses Luzern -Zug
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Allzeit gute Fahrt!

 

Sonntags Blick 24. 10. 2021 

«Firmen wollen nur möglichst billige Fahrer finden»

Schweizer Chauffeuren lupfts den Deckel

Schweizer Lastwagenfahrer sind unzufrieden mit ihren Mindestlöhnen. Der Verband Les Routiers Suisses will nun die Sozialpartnerschaft mit dem Nutzfahrzeugverband Astag beenden.

 

In Grossbritannien sind noch immer viele Supermarktregale leer, weil rund 100'000 Lastwagenfahrer fehlen. In Deutschland warnen Experten, in zwei, drei Jahren drohe ein ähnlicher Versorgungskollaps.

Für die Schweiz gab Rolf Galliker (56), Chef der Galliker Transport AG, vergangene Woche im Interview mit SonntagsBlick Entwarnung: «Die Situation ist deutlich besser als im Rest Europas.»

Laut Galliker besteht hierzulande keine Gefahr von Versorgungsengpässen. Die Schweizer Transporteure hätten früh erkannt, dass sie in die Ausbildung des Personals investieren müssen. «So haben sie es geschafft, den Chauffeurberuf attraktiv zu halten.»

Die Transportfirmen anderer westeuropäischer Staaten hätten die Ausbildung im eigenen Land komplett vernachlässigt und jahrelang fast ausschliesslich günstige Fahrer aus Osteuropa eingestellt. Galliker: «Natürlich werden teilweise auch hierzulande Fahrer aus Osteuropa eingestellt. Den Grossteil rekrutieren wir allerdings in der Schweiz.»

Suche nach noch billigeren Arbeitskräften im Ausland

David Piras (54), Generalsekretär von Les Routiers Suisses, dem Berufsverband der Chauffeure, will diese Aussagen nicht unkommentiert lassen. «Für die Firma Galliker mag das stimmen, die haben tatsächlich eine nachhaltige Strategie und genügend Chauffeure, die in der Schweiz leben. Leider gibt es aber auch sehr viele Schweizer Transporteure, die nur darauf aus sind, möglichst günstiges Personal im Ausland zu rekrutieren.»

Geärgert hat Piras insbesondere ein aktueller Beitrag in der «Tagesschau». Darin beklagte sich Daniel Schöni, Inhaber der gleichnamigen Transportfirma, über den Mangel an LKW-Fahrern in der Schweiz. Er machte deshalb vor der Kamera einen brisanten Vorschlag: «Vielleicht müssen wir schulisch zurückfahren und praktisch hochfahren: Asylanten, Leute, die vielleicht am Rand sind, zweiter Arbeitsmarkt.»

Unterstützung erhält Schöni vom Nutzfahrzeugverband Astag. «Irgendeinmal kann man den Bedarf mit Fachleuten aus Europa nicht mehr abdecken», so Vizedirektor Gallus Bürgisser in der «Tagesschau». Stattdessen könne man aber vielleicht auf Leute von noch weiter weg zurückgreifen. Im Klartext: auf Fahrer aus Afrika.

Verbandschef Piras empören diese Aussagen: «Anstatt dafür zu sorgen, dass Lastwagenfahrer in der Schweiz anständige Arbeitsbedingungen erhalten, denken die Transportfirmen nur darüber nach, wie sie irgendwo auf der Welt noch billigere Arbeitskräfte finden können.»

«Es muss jetzt etwas geschehen.»

Das sei aus Sicht der Schweizer Chauffeure absolut inakzeptabel – zumal sich Les Routiers Suisses in den Verhandlungen mit der Astag seit Jahren für bessere Arbeitsbedingungen einsetzten, insbesondere für höhere und allgemeinverbindliche Mindestlöhne. Piras: «Wir haben aber bereits Mühe, bei den Mindestlöhnen auf 20 Franken pro Stunde zu kommen, in gewissen Regionen liegen wir gar darunter.»

Da die Astag nicht verhandeln wolle und versuche, die Angelegenheit schönzureden, sehe man in der Zusammenarbeit keinen Sinn mehr. Piras: «Wir werden deshalb in Kürze über die Weiterführung der Sozialpartnerschaft entscheiden. Aktuell sieht es nach Kündigung aus.»

Die Astag zeigt kein Verständnis für diese Kritik. «Unsere Branche zahlt anständige Löhne», sagt Vizedirektor André Kirchhofer (41). Der Bund habe der Branche jüngst wieder ein gutes Zeugnis ausgestellt. Demnach lägen «keine gesamtschweizerischen Probleme» vor.

Die langjährige Sozialpartnerschaft mit Les Routiers Suisses werde von der Astag geschätzt. «Die Zusammenarbeit mit den Sektionen und der Basis verläuft sehr gut», so Kirchhofer. Zur Prüfung der aktuellen Forderungen habe man zudem eine Arbeitsgruppe eingesetzt.

David Piras von Les Routiers Suisses ist das Warten jedoch leid. «Es muss jetzt etwas geschehen, sonst gehen wir in Zukunft andere Wege.»
Es klingt wie eine Drohung.



Bericht von David Piras

Systemrelevant und unterbezahlt?

Chauffeure arbeiten viel und sind schlecht bezahlt, das ist altbekannt. Neu wissen wir aber auch: wir sind systemrelevant und haben ein recht gutes Ansehen im Publikum. Das passt eigentlich nicht zusammen.

Das Ansehen der Chauffeure ist in den letzten Jahren gewachsen. Wir sind nicht mehr wie früher Unfallverursacher und notwendiges Übel. Die CZV-Ausbildung hat die Kompetenzen verbessert, jeder weiss, was er tut und gibt sich Mühe, sich auch an Gesetze zu halten. Unser Einsatz wird gebraucht. Auch wenn aufgrund einer Krise Mehraufwand entsteht. Transport ist systemrelevant und wir zeigen Einsatz. Unsere Transportunternehmer sehen das noch nicht.

Der Tessin gilt nach einer kantonalen Abstimmung ein Mindestlohn. Im Tessin arbeiten 70'000 Grenzgänger aus Italien und dem restlichen Europa. Die Löhne für Grenzgänger sind tief und es entsteht grosser Druck auf die Löhne Einheimischer. Preise werden nicht mehr so gerechnet, dass ein Lohn für einen Einheimischen Mitarbeiter gezahlt werden kann. Es reicht, wenn ein Grenzgänger davon leben kann. Mieten und Preise in den Läden sind aber gleich wie im Rest der Schweiz.

Seit Jahren versucht unsere Sektion Tessin einen vernünftigen Mindestlohn mit der ASTAG zu verhandeln. Die ASTAG war nicht bereit, einen anständigen Mindestlohn zuzugestehen. Für Fr. 3'500.- Minimallohn bekommt man den Kühlschrank nicht voll. Die meisten Betriebe zahlen einheimischen Mitarbeiter denn auch bedeutend höhere Löhne. Es entsteht aber eine grosse Lohndiskrepanz. Und jeder weiss, der italienische Kollege oder der Mitarbeiter von sonstwo ist massiv billiger. Gewisse Disponenten sagen das auch gelegentlich, unverblümt und direkt. Die Stimmung in gewissen Betrieben unter Mitarbeitern und direkten Vorgesetzten ist angespannt.

Mit dem staatlich beschlossenen Mindestlohn sollte nun alles besser werden. Festgelegt wurden ab Ende Dezember 2021 Fr. 19.50 pro Stunde. Doch weit gefehlt. Die ASTAG wehrt sich mit allen Mitteln, selbst diesen Lohn nicht zugestehen zu müssen. Beit durchschnittlich 208 Arbeitsstunden pro Monat ergäben sich Fr. 4056.-. Wichtige Mitglieder der ASTAG sind nicht bereit, dies zuzugestehen. Für einen Grenzgänger sei dies massiv zu viel.

Die EU und das schweizerische Recht haben einen Grundsatz. Gleiche Arbeit, gleicher Arbeitsort, gleicher Lohn, unabhängig von Wohnort und Herkunft. Gleiche Arbeit heisst grundsätzlich auch gleiche Fähigkeiten. Die meisten Grenzgänger sind ebenso fähig wie Einheimische und sind mit dem gleichen Antrieb und Einsatz bei der Arbeit. Beim Arbeitsort geht es für einen Chauffeur hauptsächlich um das Tätigkeitsgebiet. Aber im Grundsatz ist es so, dass Grenzgänger angestellt werden, um in der Schweiz Transporte durchzuführen. Darum brauchen sie eine Arbeitsbewilligung und fahren mit Schweizer Nummer. Wären sie in Auslandsniederlassungen angestellt, wäre das Kabotage. Grenzgänger, die mit Schweizer Nummer hauptsächlich international fahren, sind eine grosse Ausnahme. Für Arbeitnehmer mit 90- oder 120-Tage Bewilligung gilt dasselbe. Es geht darum, was und wo die Person arbeitet und nicht darum, wo die Person wohnt.

Funktioniert der Grundsatz der vergleichbaren Löhne, entsteht im Betrieb keine unnötige Konkurrenz zwischen Einheimischen und Grenzgängern – auch nicht unterschwellig.

Es ist klar, dass niemand Mühe hat, mit einem höheren Lohn zu leben, auch nicht ein italienischer Grenzgänger. Sicher erhält er mehr Lohn als sein Nachbar, der in Italien arbeitet. Er hat aber meist einen längeren Arbeitsweg und muss sich an die straffere Schweizerische Arbeitsweise gewöhnen. Wer in der Schweiz nicht spurt, fliegt raus. In Italien ist der Arbeitnehmerschutz höher.

Die staatlich garantierten Fr. 4056.- pro Monat sind für uns kein Mass. Der Mindestlohn wird jedem ungelernten Anfänger auf dem 3.5-Tonner oder jedem Handlanger in sonstwelcher Branche zugestanden. Wer als Chauffeur arbeitet, weiss, dass er eine recht hohe Verantwortung auf sich nimmt und dass von ihm sehr viel Eigeninitiative und Selbstmotivation erwartet wird. Der Job macht Freude, ist aber nicht ohne. Wenn für einfachste Tätigkeiten von Staat Fr. 4056.- pro Monat vorgeschrieben werden, darf auch für einen 3.5t Chaufffeur mehr drin liegen und für einen C-Chauffeur mit CZV-Ausweis dürften zumindest Fr. 4'500.- herauskommen. Ansonsten sind wir eine Billiglohnbranche, die dem Nachwuchs nicht zu empfehlen ist.

Auch die Gesamtarbeitsverträge (GAV) mit den Sektionen werden in Frage gestellt. Wohnt der Chauffeur nicht im Gebiet des Gesamtarbeitsvertrages, reicht das offenbar aus, um die Gültigkeit des GAV in Frage zu stellen. So geschehen bei einem belgischen Mitglied, das im Kanton Luzern angestellt war. Ein Aargauer, der im Kanton Luzern arbeitet, wäre folglich auch nicht durch den Zentralschweizer GAV gedeckt.

Es ist derzeit auch nicht möglich, mit der ASTAG Gesamtarbeitsverträge weiterzuentwickeln und Mindestlöhne anzuheben. Nach Jahren des Stillstands oder Rückschritts haben unsere Sektionen aufgegeben.

Die Gütertransportbranche wurde, abgesehen von wenigen Ausnahmen, von Corona bisher kaum tangiert. Transport ist systemrelevant und notwendig. Es gibt keine Konkurrenz, sei es von der Bahn oder vom Ausland. Selbst das Militär könnte die Landesversorgung nicht sicherstellen. Es gibt keinen Grund dafür, dass wir als Billiglohnbranche gelten müssen und uns an gesetzlichen Minimallöhnen messen sollten.

Während den Lockdowns musste per Notrecht die Arbeitszeit für Chauffeure angehoben werden. Die Chauffeure haben mitgemacht und teils auch unter widrigen Umständen alles gegeben, dass die Arbeit gemacht ist und die Waren geliefert werden. Es besteht kein Grund, von schlechtgehenden Geschäften zu sprechen und einen GAV zu torpedieren.

Lidl und Aldi haben nach schwierigen Jahren einiges verstanden. Gutes Image macht man mit guten, zufriedenen und gut bezahlten Mitarbeitern. Das kommt auch bei Kunden gut an.

Chauffeure geben sich Mühe und haben ein gutes Image. Transportunternehmer haben schöne Lastwagen, aber trotzdem ein schlechtes Image.

Liebe Transportunternehmer, liebe ASTAG: Investiert in zufriedene Chauffeure. Das Volk wird sich bedanken.

Wenn es mit Gesamtarbeitsverträgen und Mindestlöhnen so weitergeht, steht die Auflösung von bestehenden Vereinbarungen und Gesamtarbeitsverträgen zur Diskussion. Wir können nicht viel verlieren.

                                                                                      David Piras    

                                                                                      Generalsekretär

 
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